Nachschau - Veranstaltung am 11.03.2014

 

Zur Geschichte der Kosmosforschung und Raumfahrt

mit

Dr. Sigmund Jähn

Kosmonaut, Strausberg

am Dienstag, 11. März 2014

im Stadtverordnetensaal

Rathaus Wiesbaden

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Kurzfassung des Vortrags

Von Dr. rer. nat. Sigmund Jähn

Vortrag von Dr. Sigmund Jähn im Wiesbadener Stadtverordnetensaal 

Überblick

In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts legte der in Siebenbürgen (Österreich-Ungarn) geborene Hermann Oberth mit seinem Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ in Deutschland die theoretischen Grundlagen zum Bau von Flüssigkeitsraketen und zur praktischen Raumfahrt. Wernher von Braun, der sich gern als Schüler Oberths bezeichnete, schuf in den 30er und 40er Jahren mit dem Geld der Militärs das leistungsfähige Raketentriebwerk A-4, das unter der Bezeichnung V-2 im zweiten Weltkrieg als Vernichtungswaffe bekannt wurde. Die Siegermächte übernahmen nach dem Sieg über Hitlerdeutschland diese Grundlagen und entwickelten sie, zunächst hauptsächlich im Interesse des Transportes der entstandenen  Atomwaffen, weiter. Deutschland hatte keinen Zugang zu Weltraumforschung und Raumfahrtentwicklung, wurde aber in den 60er Jahren im Rahmen der jeweiligen Koalitionen in Forschungsarbeiten einbezogen. (ESA bzw. Programm INTERKOSMOS) Die DDR konnte im Rahmen des Programms INTERKOSMOS 1978 einen Forschungskosmonauten in der Raumstation SALUT-6 einsetzten. 1983 flog ein Bürger der Bundesrepublik mit SHUTTLE. Im gegenwärtigen internationalen bemannten Raumfahrtprogramm „Internationale Raumstation (ISS)“ ist Deutschland im Rahmen der Europäischen Weltraumagentur ESA als ein wichtiger Partner beteiligt. Die Zukunft der bemannten Raumfahrt scheint gegenwärtig nicht klar umrissen und trägt wieder stärker nationale Züge.

Raketenentwicklung

In Deutschland war es der in Siebenbürgen (Österreich-Ungarn) geborene Hermann Oberth, der sich am Anfang des vorigen Jahrhunderts wissenschaftlich mit den Voraussetzungen und Möglichkeiten der Raumfahrt befasste. Sein Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ war keine Phantasterei, wie damals verschiedentlich behauptet, sondern enthielt die noch heute gültigen mathematischen Grundlagen für die Schaffung von Raketen und Raumschiffen und wurde zum Standartwerk in der Anfangszeit der Raumfahrtentwicklung in Deutschland und darüber hinaus.

Rudolf Nebel vom Verein für Raumschiffart E.V. mit Wernher von Braun, Berlin 1930

In den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden auf dieser Grundlage in vielen Städten Deutschlands Vereine zur Förderung der Raumfahrt. Deren Mitglieder theoretisierten nicht nur über Fragen der Raumfahrt; sie konstruierten, bauten und starteten sogar erste Flüssigkeitsraketen. Selbst in der Kunst spiegelte sich der Gedanke an die Raumfahrt wider. Für den UFA-Film „Die Frau im Mond“ (1929) arbeitete Hermann Oberth als Fachberater und entwarf die Rakete. Am bekanntesten und auch erfolgreichsten wurde wohl der „Verein für Raumschiffart E.V.“ Berlin. Ihm gehörten Enthusiasten und Techniker wie Nebel, Winkler, Ley, Engel und andere an. Als es gelang, für Raketenstartversuche das Gelände eines ehemaligen Truppenübungsplatzes in Berlin Reinickendorf zu erwerben, wurde dieses als Erster Raketenflugplatz der Welt bezeichnet. Der später in Peenemünde berühmt gewordene Wernher von Braun gehörte zeitweise auch zu dieser Gruppe. In den frühen 30er Jahren ging v. Braun mit einem Teil der Ingenieure und Enthusiasten jedoch zur südlich von Berlin gelegenen Heeresversuchsanstalt Kummersdorf und setzte seine Arbeiten unter finanziell abgesicherten Bedingungen fort. Zivile Raketentests wurden in Deutschland verboten.

Raketenproduktion in Peenemünde

Bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die militärische Bedeutung von Flüssigkeitsraketen als perspektivische Fernwaffen erkannt und vorangetrieben. Unter der Leitung Wernher von Brauns, der sich gern als Schüler Hermann Oberths bezeichnete, entwickelte man in Peenemünde Raketen für Kriegszwecke. Sie wurden ab 1944 als V-2 vor allem gegen britische Städte eingesetzt. Sofort nach dem 2. Weltkrieg griffen die Sieger nach diesen Raketen sowie den deutschen Fachleuten um eigene militärische Fernraketen zu entwickeln. Deutschland wurde davon ausgeschaltet.

Deutscher Beitrag zur bemannten Raumfahrt

Den Wettlauf in der Raumfahrt zwischen der Sowjetunion und den USA entschied am 4. Oktober 1957 zunächst der kleine Sputnik für sich. Fernraketen, deren Konstruktionsbasis die deutschen Raketentriebwerke A-4 (V-2) waren, konnten militärische oder zivile Nutzlasten auf eine Umlaufbahn um die Erde bringen. Am 12. April 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch einmal um die Erde.

In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die beiden deutschen Staaten in die Raumfahrtprogramme der jeweiligen Blöcke eingebunden. Während die Bundesrepublik der ESA beitrat wurde die DDR Mitglied im Interkosmos-Programm. Beide Staaten leisteten einen angemessenen wissenschaftlichen Beitrag zunächst bei Geräteentwicklungen für die unbemannte Raumfahrt. Bei Carl Zeiss Jena wurde die leistungsfähige Multispektralkamera MKF-6 entwickelt, gebaut und 1975 zum ersten Mal in einem bemannten sowjetischen Raumschiff eingesetzt.

Kosmonauten des INTERKOSMOS - Programms

Im Sommer 1976 machte die sowjetische Regierung den Vorschlag, im Rahmen des Interkosmos-Programms Kosmonauten aus den beteiligten Ländern auszubilden und bei gemeinsamen Raumflügen einzusetzen. Technische Basis dafür war die im Bau befindliche neue Raumstation SALUT 6. Zum wissenschaftlichen Programm des DDR-Kosmonauten (Raumflug vom 26.8.- 3.9.1978) gehörten auch umfangreiche Aufgabenstellungen zur Fernerkundung der Erde.

 

Von der Saljut zur Mir-Orbitalstation

In der alten Bundesrepublik war die Entwicklung ähnlich. Ulf Merbold erfüllte als erster westeuropäischer Astronaut 1983 ein umfangreiches wissenschaftliches Programm auf dem Komplex SPACE SHUTTLE-SPACELAB. Das SPACELAB war in Deutschland entwickelt und gebaut worden und ermöglichte den beteiligten deutschen Forschern an Bord des amerikanischen Shuttles umfangreiche wissenschaftliche Forschungen.

Dank des Sektionsleiters Michael Rodschinka an Dr. Sigmund Jähn

Nach 1990 gab es mehrere gemeinsame bemannte Raumflüge deutscher Raumfahrer auf der Grundlage von Abkommen sowohl mit der NASA als auch mit der Russischen Raumfahrtagentur. Gegenwärtig sind die meisten Aktivitäten der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der bemannten Raumfahrt in die Europäische Weltraumagentur ESA integriert.

vlnr. GfW-Sektionsleiter Michael Rodschinka, Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel, Referent Dr. Sigmund Jähn

Der Aufbau der Internationalen Raumstation ist fast abgeschlossen. Zwei wichtige Beiträge der Europäischen Weltraumagentur ESA sind das wissenschaftliche Modul COLUMBUS und die Transportmodule ATV.  COLUMBUS ist betriebsbereit. Nach der Einstellung der Raumflüge mit den SHUTTLE der NASA wird gegenwärtig der Transport von Raumfahrern zur Internationalen Raumstation ausschließlich mit den russischen SOJUS - Raumschiffen sichergestellt. 

Alle Fotos: Christoph Rodschinka

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