Vortragsabend
zum Thema
Nach
Aussetzung der Wehrpflicht –
Was kommt
auf unsere Gesellschaft zu?
Referentin:

Frau Ulrike Merten
Präsidentin der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik,
MdB a.D. und ehemalige
Verteidigungsausschussvorsitzende,
Bielefeld
am Montag, 17. Oktober
2011, 19.00 Uhr
im Café Waldhof,
Magdalenenhäuser Weg 40,
Wetzlar (300 m oberhalb des
Tierheims)
*****
Pressebericht

vom 22.10.2011
"Veränderungen kommen"
GfW-Präsidentin
spricht in Wetzlar zur Zukunft der Bundeswehr
Wetzlar
(lr). Die ehrenamtliche Arbeit der Gesellschaft für Wehr- und
Sicherheitspolitik (GfW) wird immer wichtiger. Darauf hat deren
Präsidentin, die ehemalige Bundestagsabgeordnete und frühere
Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Ulrike Merten-Hamann
(Bielefeld), hingewiesen.
Die 1952 gegründete
Gesellschaft, die älteste sicherheitspolitische Gesellschaft der
Bundesrepublik, hat ihren Angaben zufolge derzeit rund 7000
Mitglieder und ist landesweit organisiert in über 100 aktiven
Sektionen.

Treffen in Wetzlar (v. l.): Roland Wegricht, GfW-Vorstand Helga
Bartz, GfW-Präsidentin Ulrike Merten-Hamann, der Vorsitzende des
Deutschen Bundeswehr-Verbandes Wetzlar Jürgen Ferger,
GfW-Sektionsleiter Hartmut Großkreuz und GfW-Vorstand Ute
Benner-Manzetti.
Foto: Rühl/mittelhessen.de
(Zum Vergrößern:
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Die sozialdemokratische
Politikerin war zu einem Gespräch im Landratsamt des
Lahn-Dill-Kreises. Dort wurde sie gemeinsam mit Vorstandsmitgliedern
der GfW-Sektion Wetzlar/Lahn-Dill von Dezernent Roland Wegricht
(SPD) in Vertretung des Landrates empfangen.
Abends sprach sie bei der
GfW-Sektion Wetzlar/Lahn-Dill, die seit 1977 eine außerordentlich
erfolgreiche Arbeit leiste, so Merten-Hamann. Unter den 30 Besuchern
im Café Waldhof konnte der Sektionsleiter, Luftwaffen-Oberstleutnant
a. D. Hartmut Großkreuz (Ehringshausen), auch Wetzlars Bürgermeister
Manfred Wagner (SPD) und den früheren Geschäftsführer von Pro
Polizei, Horst Nies, wie den Vorsitzenden der Kameradschaft Wetzlar
des Deutschen Bundeswehrverbandes, Jürgen Ferger, begrüßen.
Merten-Hamann führte aus,
dass durch politische Entscheidungen und Maßnahmen in den letzten
zwei Jahrzehnten die Bundeswehr immer mehr aus der Fläche
verschwunden sei.
Gedanken und
Aussprachen zu Wehr- und Sicherheitsfragen aufrechterhalten
Mit der Schließung von
Stützpunkten ging die Reduzierung der Truppenstärke von einstmals
rund 620 000 in Bundeswehr und NVA auf nunmehr 245 000 einher.
Dazugekommen sei das bedenkliche Kürzen der Dienstzeiten bis hin zu
sechs Monaten für Wehrpflichtige und schließlich das vollständige
Aussetzen der Wehrpflicht ab Sommer dieses Jahres.
Sie machte deutlich, dass
deshalb Gedanken und Aussprachen zu Wehr- und Sicherheitsfragen in
Deutschland weiter aufrechterhalten werden müssen. Die GfW ist im
Auftrag und mit eher bescheideneren Mitteln der Bundesregierung
unterwegs, die Bürger in Deutschland über Fragen der vernetzten
Sicherheit qualifiziert und aktuell zu informieren. Dies geschieht
in Vortragsreihen, bei Seminaren und gelegentlichen Besuchen bei der
Truppe.
Merten-Hamann ging in ihrer
Rede auf die Geschichte der Bundeswehr ein. Nach dem Zweiten
Weltkrieg hätte in der Bevölkerung zunächst überhaupt keine
Bereitschaft bestanden, neue Streitkräfte in oder für ein Bündnis in
der freien Welt aufzubauen. Als die Bundeswehr und damit die
Wiederbewaffnung der Bundesrepublik dann doch am 5. Mai 1955 im
Bundestag beschlossen wurde, führte das zu erheblichen
innenpolitischen Auseinandersetzungen. Die Frage wurde diskutiert,
ob es moralisch zu verantworten sei, dass Deutschland nach der
Hitler-Diktatur und der Wehrmacht des Dritten Reiches, der
Niederlage im Zweiten Weltkrieg, der Zerstörung und späteren
Abtrennung und Aufteilung des ursprünglichen Reichsgebietes jemals
wieder über eigene Streitkräfte verfügen sollte. In dieser Zeit
wurde die verantwortliche politische und parlamentarische Kontrolle
der Bundeswehr und auch die Rolle des Wehrbeauftragten eingeführt
und die innere Struktur der neuen Streitkräfte völlig neu
organisiert.
Für die Integration
Deutschlands in das Staatenbündnis mit den europäischen und
transatlantischen Partnern sei es wichtig gewesen, eine deutsche
Streitkraft an ihrer Seite zu haben, so Merten-Hamann. Bis Ende der
80er Jahre sei der Feind im Warschauer Pakt klar auszumachen gewesen
und das Militär als Freiheitsgarant weitgehend akzeptiert. In diesen
Jahrzehnten habe es eine enorme Stabilität und einen Friedenszuwachs
in Europa gegeben. Mit dem Wegfall der Grenzen und der Auflösung der
Sowjetunion aber sei die Haltung zur Bundeswehr aufgeweicht. "Wir
waren danach eigentlich nur noch von Partnern und Freunden umgeben.
Deshalb kam bald die Frage auf, brauchen wir überhaupt noch die
Bundeswehr", so die Referentin.
In den letzten 20 Jahren
wurden die Streitkräfte kontinuierlich abgebaut. Sie gehe davon aus,
dass auf die in den letzten Wochen angekündigten Reduzierungen in
den nächsten Jahren weitere Standorte aufgegeben werden.
"Heute kann
niemand sagen, welche Aufgaben in 15 Jahren auf uns zukommen"
Mit dem Wegfall der
Wehrpflicht seien auch wesentliche soziale Dienste entfallen. Den
Zivildienst durch den Bundesfreiwilligendienst zu ersetzen, werde
doch nicht gut gelingen. Den Bürgern fehlten dazu die materiellen
Anreize, aber auch der Dienst selbst schreckt viele eher ab.
Merten-Hamann warnte davor,
die Bundeswehr als nunmehr völlig überflüssig zu bezeichnen. Der
Feind sei heute schwieriger auszumachen. Es gehe nicht um den Kampf
gegen feindliche Staaten, sondern um die Verteidigung gegen einzelne
Gruppierungen, die aus verschiedenen Gebieten und natürlich im
eigenen Land auftreten könnten.
Als Beispiele nannte sie die
Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New
York und das Pentagon in Washington sowie die Anschläge von London
und Madrid und die rechtzeitig in Deutschland aufgedeckten
Anschlagsvorbereitungen, die Hunderte von Opfern gefordert hätten,
wenn sie durchgeführt worden wären. In Afghanistan würden deutsche
Soldaten Gesundheit und Leben riskieren, damit die Menschen hier in
gewohnter Sicherheit und persönlicher Freiheit leben könnten.
Sie erinnerte auch an die
zunehmenden und kostenträchtigen Auslandseinsätze der Bundeswehr als
Folge der seit 1990 erheblich veränderten und bedrohlichen
Unsicherheitslage weltweit. Diese reiche vom blutigen Bürgerkrieg im
zerfallenden Jugoslawien bis hin zum Einsatz in Somalia und dem
Kongo, den ständigen Anschlagsgefahren durch den Terrorismus
weltweit, der unübersehbaren Bedrohung lebenswichtiger Handelswege
und seit einem Jahrzehnt mit starken Kräften im UN-Auftrag auch in
Afghanistan.
Die Bundeswehr werde zu
friedenserhaltenden und für wiederherstellende und damit
sicherheitsbewahrende Maßnahmen für Deutschland gebraucht. Noch
seien die Veränderungen bei der Bundeswehr nicht abgeschlossen.
Heute könne niemand wirklich vorher sagen, welche Aufgaben in zehn
oder 15 Jahren auf die Streitkräfte zukommen.