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Vortragsabend zum Thema Die Türkei – Mitglied oder Partner der Europäischen Union? Referent:
Oberst a.D. Nikolaus Schmeja, Tübingen Journalist am Mittwoch, 09. Juni 2010, 19:00 Uhr Café "Waldhof", Magdalenenhäuser Weg 40 ***** Sektionseigener Pressebericht Türkei – Quo vadis? Auf Einladung der GfW sprach der Tübinger Journalist und Oberst a.D. Nikolaus Schmeja vor vierzig Zuhörern im Café Waldhof zum Thema „Die Türkei – Mitglied oder Partner der Europäischen Union?“ Oberst a.D. Nikolaus Schmeja beim Vortrag (Zum Vergrößern: Bild anklicken) Einleitend charakterisierte der Referent die Türkei als ein aus vielerlei Völkerschaften bestehendes bedeutendes Gemeinwesen mit Grenzen zu mehreren Krisengebieten in einer strategisch wichtigen Region. Auf mehr als der doppelten Fläche Deutschlands lebten über 72 Mio. Menschen in einer vergleichsweise jungen, wachsenden Gesellschaft. So betrage der Anteil der bis 14jährigen über 26 %, der der über 64jährigen aber nur 6 %. Trotz achtjähriger Schulpflicht gebe es 6% Analphabeten unter den Männern, aber 18 % unter den Frauen. Das Bruttosozialprodukt von 734 Mrd. $ bzw. durchschnittlich 10.400 $ / Einwohner entstehe zu gut 9 % in der Landwirtschaft, zu 26 % in der Industrie und zu ca. 65 % im Dienstleistungssektor. Dabei arbeiteten jedoch fast 40 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft, aber nur 38 % im Dienstleistungsbereich. Hier wie auch im Leistungsbilanz-Defizit von 70 Mrd. $ offenbarten sich Strukturschwächen und Modernisierungsbedarf und somit ein bedeutender potenzieller Absatzmarkt. Dabei sei Deutschland sowohl bei den Importen wie bei den Exporten führender Handelspartner der Türkei. Eine gut besuchte Veranstaltung im Café Waldhof (Zum Vergrößern: Bild anklicken) In einem geschichtlichen Rückblick stellte Schmeja die Gebietsverluste der Türkei nach dem 1. Weltkrieg (an der Seite Deutschlands) und die Autonomiebestrebungen etlicher ethnischer Minderheiten als Nährboden für Kemal Atatürks grundlegende Umgestaltung von Staat und Gesellschaft seit 1923 dar. Stellten die Abschaffung des geschwächten Kalifats und der Scharia, die Umwandlung in eine Republik, die Durchsetzung einer Kleiderreform (Verbot von Fez bzw. Schleier) und der Koedukation (gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen) bereits einschneidende Veränderungen dar, so glichen die Umstellung auf die lateinische Schrift, auf das metrische System und den Gregorianischen Kalender sowie die Einführung des Frauenwahlrechts revolutionären Veränderungen, die nur langsam und nicht überall durchgesetzt werden konnten. Schließlich wurde gar die Rechtsordnung europäischen Vorbildern angepasst und so ein modernes, Europa angepasstes Gemeinwesen geschaffen. Von den grundsätzlich noch gültigen sechs Grundprinzipien des Kemalismus, nämlich Nationalismus (Nationalstaat - Legitimation der Regierung durch das Volk), Laizismus (Trennung von Staat und Islam), Republikanismus (republikanische Staatsform mit autoritären Zügen), Popularismus (Volksbeteiligung mit Rechten und Pflichten), Etatismus (Staatskapitalismus) und Reformismus (ständige Erneuerung zur weiteren Verwestlichung) sei insbesondere das letzte Prinzip vernachlässigt worden. Bezüglich der heutigen Situation und der aktuellen Entwicklung charakterisierte der Referent die Türkei als säkularen Staat mit zentralistisch organisierten Strukturen, (immer noch) starkem Einfluss von Militär und Beamtenschaft, Korruptionsproblemen, wachsendem Einfluss eines islamistischen Osmanismus, Benachteiligung von Frauen sowie religiösen und ethnischen Minderheiten, Menschenrechtsproblemen, West-Ost-Gefälle bei Wirtschaft, Bildung, Infrastruktur und großem Wohlstandsgefälle. Mit Blick auf den möglichen Beitritt der Türkei zur EU verwies Schmeja auf die sog. Kopenhagener Kriterien, die erfüllt sein müssten: - Stabile Institutionen, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte, Minderheitenschutz - Funktionierende Marktwirtschaft, Wettbewerbsfähigkeit in der EU - Einverständnis mit den Zielen der Union und Übernahme des Rechts der EU Bei allen drei Kriterien gebe es noch teils deutliche Defizite. Deswegen, aber auch wegen der zunehmenden USA- und Israel-Feindlichkeit sowie ob der von der Regierung Erdogan bekundeten Sympathie für Irans Präsidenten Ahmadinedschad sei völlig offen, ob die 2005 begonnenen Verhandlungen, die bereits mit jährlich steigenden Hilfszahlungen verbunden sind, zum Ergebnis Vollmitgliedschaft führen werden, oder ob es bei einer schon jetzt realisierten privilegierten Partnerschaft mit der EU bleiben wird. Das Thema Türkei stößt auf großes Interesse beim Publikum (Zum Vergrößern: Bild anklicken) In der ausgiebigen Diskussion wurden vielerlei Bedenken geäußert, so zu Erdogans mutmaßlichen Motiven bzgl. der Iran-Sympathie, zur offenbar andauernden Islamisierung, zu evtl. Subventionsbedarf bei Vollmitgliedschaft, zum Minderheitenschutz und manchem mehr. Dabei verstand es der Referent, zu jedem Aspekt überzeugende Kontra- wie Pro-Argumente vorzutragen und so die Diskussion ausgesprochen sachlich und emotionsarm zu gestalten. Das führte auch bei den Vertretern des Ausländerbeirats zu Zustimmung und Lob. Gez.: Uwe-H. Pradel, Sektionsleiter PresseberichtWetzlarer Neue Zeitungvom 24.06.2010
Mitgliedschaft der Türkei bleibt offen
Wetzlar (red). Auf Einladung
der Sektion Wetzlar/Lahn-Dill der Gesellschaft für Wehr- und
Sicherheitspolitik (GfW) haben sich jetzt rund 40 Gäste im Café
Waldhof mit dem
Die Türkei sei ein aus
vielerlei Völkerschaften bestehendes bedeutendes Gemeinwesen mit
Grenzen zu mehreren Krisengebieten in einer strategisch wichtigen
Region, so Schmeja in seiner Einleitung. Auf mehr als der doppelten
Fläche
Trotz Schulpflicht gebe es
sechs Prozent Analphabeten unter den Männern, aber 18 In einem geschichtlichen Rückblick stellte Schmeja die Gebietsverluste der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands und die Autonomiebestrebungen ethnischer Minderheiten als Nährboden für Kemal Atatürks grundlegende Umgestaltung von Staat und Gesellschaft seit dem Jahr 1923 dar. Lange Liste mit Problemen
Bezüglich der aktuellen
Entwicklung charakterisierte der Referent die Türkei als ein Mit Blick auf den möglichen Beitritt der Türkei zur EU verwies Schmeja auf die sogenannten Kopenhagener Kriterien, die erfüllt sein müssten. Bei allen drei gebe es noch teils deutliche Defizite. Dies sei eines der Probleme. Hinzu komme die zunehmende USA- und Israel-Feindlichkeit sowie die von der Regierung Erdogan bekundete Sympathie für Irans Präsidenten Ahmadinedschad. Daher sei völlig offen, ob die 2005 begonnenen Verhandlungen, die bereits mit jährlich steigenden Hilfszahlungen verbunden seien, zum Ergebnis Vollmitgliedschaft führen werden, oder ob es bei einer privilegierten Partnerschaft mit der EU bleiben wird.
In der ausgiebigen Diskussion
fand der Referent zu jedem Aspekt überzeugende Kontra- wie
Pro-Argumente. „So gestaltete er die Diskussion ausgesprochen sachlich
und emotionsarm. Das führte auch bei den Vertretern des
Ausländerbeirats
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Prozent unter den Frauen. Das Bruttosozialprodukt entstehe zu gut neun
Prozent in der Landwirtschaft, zu 26 Prozent in der Industrie und zu
etwa 65 Prozent im Dienstleistungssektor. Dabei arbeiteten jedoch fast
40 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft, aber nur 38 Prozent
im Dienstleistungsbereich. Dies offenbare Strukturschwächen sowie
Modernisierungsbedarf – und somit einen bedeutenden potenzieller
Absatzmarkt. Dabei sei Deutschland sowohl bei den Importen wie bei den
Exporten führender Handelspartner der Türkei. 


