Nachschau - Veranstaltung am 12.11.2013

 

 

Vortragsabend

zum Thema

Syrien – warum verläuft hier die Rebellion anders?

Referent:

Dr. Kinan Jaeger

Lehrbeauftragter der Universität Bonn

 

am Dienstag, 12. November 2013, 19.30 Uhr

im Burgwald-Kasino

*****

Pressebericht

vom 20.11.2013

Ausgang des Krieges in Syrien bleibt offen
Dr. Kinan Jaeger referiert in Frankenberg bei der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik

Der Konflikt in Syrien führt auch hierzulande zu Diskussionen: Wie sollen die Deutschen auf den blutigen Krieg reagieren?

Frankenberg. Soll die Bundesrepublik mehr Flüchtlinge aufnehmen? Ist mehr humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung möglich? Soll die Bundesregierung gar Waffen an Oppositionsgruppen liefern? Der Krieg in Syrien ist auch in Deutschland Gegenstand kontroverser Debatten. Doch das Ergebnis ist Hilflosigkeit: Keine Lösung ist absehbar für den seit fast drei Jahren andauernden Krieg, in dem längst auch Nachbarländer, Milizen und Großmächte von den USA bis Russland mitmischen. Worum geht es in dem Konflikt? Welche Parteien kämpfen gegeneinander? Das war das Thema des letzten Vortrags bei der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik in Waldeck-Frankenberg in diesem Jahr: „Syrien – warum verläuft hier die Rebellion anders?“

Eine Szene aus dem syrischen Bürgerkrieg: Die Luftwaffe Assads greift Stellungen der Rebellen in
der Stadt Ras al-Ain an der türkischen Grenze an.   Foto: dpa

In Damaskus geboren

Der neue Sektionsleiter Oberstleutnant Holger Schmör freute sich über 80 Zuhörer im voll besetzten Saal des Burgwald- Kasinos. Er stellte den Referenten Dr. Kinan Jaeger vor, der 1966 in der syrischen Hauptstadt Damaskus geboren wurde. Er ist deutscher Staatsbürger, hat sein Abitur in Bonn abgelegt und sein Diplom in Geographie, Politischer Wissenschaft und Islamwissenschaft an der Bonner Universität erworben. Dort hat er auch promoviert, seit 1996 ist er Lehrbeauftragter der Uni.

Dr. Jaeger begann seinen Vortrag mit Ergänzungen über seinen Lebenslauf, die schon gut auf das Thema einstimmten. Er sollte in Deutschland seine Wehrpflicht ableisten, aber auch in Syrien. Wäre er dort eingereist, hätte dies unweigerlich zur Einziehung zum Militär geführt. Für die deutsche Wehrpflicht war er schließlich zu alt, von der syrischen hat er sich mit 5000 Dollar freigekauft – eine legale Möglichkeit in Syrien. Damit konnte er wieder seine Familie besuchen, ohne Gefahr, gleich zum Militär zu müssen.

Die „Ableistung“ des Wehrdienstes durch Freikaufen sei auch heute noch Gesetz, berichtete er. Ob sich der Staat aber derzeit daran halte, bezweifle er: Jeder werde inzwischen für den Militärdienst benötigt.

Tunesien, Ägypten, Libyen – das sind Länder der „Arabellion“, in der große Teile des Volkes erfolgreich gegen diktatorische Staatschefs aufbegehrt haben. Auch in Syrien begannen im Frühjahr 2011 Demonstrationen gegen den Präsidenten Baschar al-Assad. Sein autoritäres Regime reagierte mit Härte – der Konflikt heizte sich an, Teile der Armee schlossen sich der Opposition an, die Kämpfe weiteten sich aus. Schließlich griffen von Saudi-Arabien und Katar unterstützte islamistische Fanatiker ein, sie wollen einen „Gottesstaat“ nach Vorbild der afghanischen Taliban errichten.

Mit Bildern aus der einstigen Handelsmetropole Aleppo im Norden und aus anderen Regionen vermittelte Jaeger einen Eindruck vom Krisengebiet, teilweise hat er die Fotos aufgenommen. Er zeigte auch Flüchtlingslager, die er als Hochsicherheitstrakte bezeichnete. Diese Abschottung solle das Rekrutieren von Rebellen verhindern, erklärte er.

Zersplittertes Land

Danach vermittelte er den Zuhörern mit Karten unterlegt eine Vorstellung dieses großen Landes, das nicht historisch gewachsen, sondern nach dem Ersten Weltkrieg von den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich geschaffen worden ist. Viele Volksgruppen leben dort zusammen, etwa die Kurden im Norden, Turkmenen oder Flüchtlinge aus Palästina. 90 Prozent der Einwohner sind Araber. Die Bevölkerung zerfällt zudem in verschiedene Glaubensgruppen. Sunniten stellen mit 70 Prozent die stärkste, hinzu kommen Alawiten, Drusen, Christen und Schiiten.

Auch diese Zersplitterung macht eine Problematik des Konflikts deutlich. Syriens Einbettung in viele Konfliktherde der umliegenden, an diesem Bürgerkrieg beteiligten Staaten, macht eine Lösung ebenfalls nicht leichter. Syrien sei ein Land, in dem es nichts zu holen gebe, sagte Jaeger. Es sei aber durch seine geostrategische Lage von Bedeutung für die Stabilität der Region. Da es nichts zu holen gebe, werde auch keine militärische Intervention in Betracht gezogen. Es gelte dennoch, das Land zu stabilisieren – und damit die Region mit dem Iran im Osten, Israel im Südwesten, dem NATO-Partner Türkei und den Kurden im Norden.

Überraschende Rebellion

Die oft hilflos erscheinenden Bemühungen der an der Lösung des Konfliktes beteiligten Staaten erklärt sich Jaeger so, dass alle von der Rebellion in Syrien überrascht worden seien. Kein Geheimdienst habe Kenntnisse gehabt, die auf den Aufstand schließen hätten lassen. Selbst der israelische nicht, der entgegen seiner eigentlichen Arbeitsweise nur reagiere, nicht agieren könne. Damit sei auch der sich abzeichnende Weg vom zunächst gewollten Sturz des Präsidenten Baschar al-Assad zur heutigen Politik des Tolerierens bis zur Unterstützung der Regierung zu erklären.

Unterschiede zu den anderen Aufständen der „Arabellion“ sieht Jaeger etwa darin, dass der Machthaber immer noch an der Regierung sei. Die Rebellion habe auf dem Lande in der Provinz begonnen, nicht in den Städten. Und nicht eine perspektivlose und unzufriedene Jugend habe den Aufstand gestartet. Assad habe viele Netzwerke und Allianzen aufgebaut, etwa zu Geheimdienst und Militär oder zur libanesischen Schiiten-Miliz der Hisbollah. Und er verfüge über weitreichende Verbindungen in andere Staaten.

Derzeit biete nur er als Verhandlungspartner die Chance auf eine Konfliktlösung. Stark gestützt werde Assad vom Iran, der ohne Syrien machtpolitisch kaum Bedeutung im Nahen Osten hätte. Derzeit ließen sich weder die vielen am Bürgerkrieg beteiligten Gruppierungen noch deren Ziele erkennen. Jaeger zeigte als Einschub einen Weg des Irans auf, der den meisten Zuhörern nicht bekannt war. Das Mullah-Regime wolle einen „schiitischen Halbmond“ bilden – eine Allianz aus Iran, Syrien und dem Libanon. Damit solle ein Gegengewicht zu Israel entstehen. Die chemischen Waffen Syriens und der – nicht bewiesene– Versuch zum Bau von Atombomben im Iran bezeichnete der Referent in erster Linie als politische Mittel, als Gegengewicht zu den Atombomben Israels. Mit diesem Arsenal könnten die beiden Regime auf Augenhöhe mit Israel verhandeln. Israel sei militärisch so stark, dass alle ringsum bei einem Krieg den Kürzeren ziehen würden, führte Jaeger aus.

Schlüsselrolle Russlands

Wie stellt sich der Referent eine Lösung des Konflikts, eines friedlichen Zusammenlebens mit guter Einbettung in die Weltwirtschaft vor?

Die Vereinten Nationen müssten mehr Gewicht bekommen, und der Einfluss einzelner Staaten müsse zurückgedrängt werden, forderte er. Dies sei aber ohne Russland nicht möglich. Ködern lasse sich Moskau mit Zugeständnissen, wie der Beibehaltung des russischen Marinestützpunktes in Tartus. Die Stärkeverhältnisse sollten austariert werden. Keiner in der Region sollte zu stark sein. Einen eindeutigen Weg Syriens sieht Jaeger aber nicht. Wenn Assad 2014 bei den Präsidentschaftswahlen wieder kandidiere, sei der Ausgang offen. Eine Balkanisierung des Landes könne er sich wegen der Unabhängigkeitsbestrebungen vieler Volksgruppen auch vorstellen.

Für die hervorragende Vortragsweise mit freier Rede, unterstützt mit Bildern, erhielt Dr. Jaeger großen Applaus. Der nächste Termin der GfW ist am Mittwoch, 27. November, der Besuch der Technischen Hochschule Mittelhessen, die in Zusammenarbeit auch mit heimischen Firmen das „Studium-Plus“ anbietet. (wd)

*****

Infos:   Manfred Weider, Rosenweg 43, 35066 Frankenberg (Eder)

           Tel: 06451 - 8814, Fax: 06451 - 230357, eMail: m.weider@t-online.de

Oben                                                                                                                                                                    Zurück

Unsere Partner: