Nachschau - Veranstaltung am 12.06.2014

 

 

Vortragsabend

zum Thema

Referent:

Dr. Heiko Biehl

Wissenschaftlicher Direktor am Zentrum für Militärgeschichte und

Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam

am Donnerstag, 12. Juni 2014, 19:30 Uhr

Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne

Wallerfanger Straße 33, Saarlouis

 

*****

Sektionseigener Bericht

Das Profil der Bundeswehr hat sich in den letzten Jahren erheblich geändert. War früher bei deutlich höherem Personalumfang und vor dem Hintergrund der Wehrpflicht eine engere Verzahnung  von Bundeswehr und Gesellschaft durch höhere Präsenz in der Fläche, durch häufigere Übungen im Inland und insbesondere auch durch persönliche Kontakte über wehrdienstleistende Familienangehörige oder Freunde gegeben, so haben sich diese Rahmenbedingungen nach Aussetzung der Wehrpflicht und  vorrangiger Auslandseinsatz-Orientierung der Bundeswehr signifikant geändert.

Mit den Folgen für die Beziehungen zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung in Deutschland hat sich der Referent zu diesem Thema, der Wissenschaftliche Direktor Dr. Heiko Biehl als Leiter des Forschungsbereichs Militärsoziologie am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, auch von Amtswegen beschäftigt.

Grundlegend ist vorauszuschicken, dass die Einstellung der jeweiligen Bevölkerung zu ihrer Armee in etwa ähnlich ausgeprägt ist. Hiervon weichen in Richtung einer deutlicher zustimmenden Haltung gegenüber dem Militär nur die USA, Großbritannien und die Türkei ab.

Beschreibt  nun die Aussage des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler vom „Freundlichen Desinteresse“ der Bevölkerung gegenüber der Bundeswehr den Zustand der Beziehungen zwischen beiden Bereichen zutreffend, oder trifft die spätere Aussage des seinerzeitigen Verteidigungsministers Thomas de Maizière vom „freundlichen Interesse“ der Bevölkerung an ihren Soldaten mehr den Kern der Beziehungen? - wobei Letzterer mit seiner ergänzenden Aussage, „Soldaten haben einen zwar verständlichen, aber oft übertriebenen Wunsch nach Anerkennung“, für Aufsehen  und Widerspruch sorgte.

Deutlich artikuliert aber wird nicht nur der Wunsch nach mehr Anerkennung, ja, angesichts der Gefahren für Leib und Leben, denen sich die Soldaten zunehmend in Erfüllung  ihres vom Parlament als der Vertretung des Volkes erteilten  Auftrags ausgesetzt sehen, auch sogar den Rechtsanspruch darauf von den im Einsatz stehenden Soldaten. Hier ergibt sich eine deutliche Diskrepanz.

Ist nun das „freundliche Desinteresse“ empirischer Fakt oder falscher Eindruck?

Jüngste Meinungsumfragen renommierter Institute sehen bei

  - 7% eine "sehr positive",

  - 34% eine "positive",

  - 37% eine "eher positive" und bei

  - 14% eine "negative" 

Einstellung der Befragten gegenüber der Bundeswehr.

Dies entspricht mit kleinen Schwankungen auch dem langjährigen Trend der Befragungen. Damit liegt die Bundeswehr auch im Vergleich zu anderen nationalen Organisationen im oberen Bereich der Zustimmungsskala, die von Polizei, Justiz und Verwaltung angeführt wird. Auch im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im Durchschnitt der Zustimmungsergebnisse.

Auch wird in den deutschen Medien mehr über die Bundeswehr berichtet, als allgemein angenommen wird und bekannt ist.

Doch gibt es (natürlich) auch Defizite in den zivil-militärischen Beziehungen.

Nach der Wiedervereinigung und den die Auslandseinsätze klärenden Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts hat die internationale Verantwortung Deutschlands zugenommen.

Unbeschadet der jüngsten Äußerungen führender politischer Persönlichkeiten (Bundespräsident Gauck, Außenminister Steinmeier und Verteidigungsministerin  von der Leyen auf der Münchener Sicherheitskonferenz) und, noch prononcierter in Richtung Militär-Einsätze, noch vor wenigen Tagen Bundespräsident Gauck und vor der UNO Verteidigungsministerin von der Leyen, ist die Meinung in der Bevölkerung zu diesem Thema geteilt: 45 % sind dafür, dass sich Deutschland international mehr engagieren solle, 45 % meinen, Deutschland solle sich eher heraushalten.

Überspitzt formuliert steht einem „Ja“ zur Bundeswehr ein „Nein“ zu Auslandseinsätzen entgegen.

Auch im internationalen Vergleich erfreut sich die Bundeswehr einer positiven Wertschätzung.

Wird sich daran nun nach „Abschaffung“ der Wehrpflicht etwas ändern – wird sich die Bevölkerung, wie mancherorts befürchtet, von „ihrer Bundeswehr“ abwenden, nach dem Motto, „die haben den Beruf gewählt  und sollen nun ihren Job machen“?

Wiederum zeigt ein internationaler Vergleich, auch Freiwilligen-Armeen können gleichermaßen gesellschaftlich anerkannt und integriert sein. Die Wehr-Form ist nur eine  von mehreren Größen für die gesellschaftliche Stellung von Streitkräften.

Ausschlaggebend sind die (von beiden Seiten gesuchten und wahrgenommenen) Kontakte zwischen der Öffentlichkeit und den Streitkräften.

So stellt das Konzept der „Inneren Führung“ auch folgerichtig die Integration der Bundeswehr in die Bevölkerung als übergreifendes Ziel in den Mittelpunkt. Durch intensive Kontakte müssen die Bundeswehr und der Alltag der Soldaten einer breiten Öffentlichkeit erfahrbar gemacht werden. Der Kritik an vermehrten Auslandseinsätzen der Bundeswehr (s.o.) steht weiterhin eine hohe Wertschätzung der Bundeswehr und ihrer Soldaten entgegen. Soldaten sollten diese Wertschätzung seitens der großen Mehrheit der Bevölkerung selbst aber auch wertschätzen!

Aber, wie hat Bundespräsident Gauck bei seiner jüngsten Aussage zu auch vermehrtem militärischen Engagement  als „ultima ratio“ zum Schutz für Leib und Leben Unschuldiger angemerkt: „Hierfür müsse das Bewusstsein in der Bevölkerung noch entwickelt werden“.

Aus Sicht der Soldaten muss aber auch angemerkt werden: Die Politik muss viel früher und intensiver als in der Vergangenheit  mit nicht-militärischen Mitteln alles tun, um Krisen gar nicht entstehen zu lassen oder im Keime zu ersticken.

Der Einsatz des Militärs muss „ultima ratio“ bleiben.

Klaus Zeisig

 

Oben                                                                                                                                                                  Zurück

Unsere Partner: