Nachschau - Veranstaltung am 11.12.2013

 

 

Vortrags- und Diskussionsabend

zum Thema

Afghanistan vor einem Neuanfang? –

Kritische Bestandsaufnahme nach 12 Jahren ISAF

Referent:

Foto: otmar steinbicker/facebook

Otmar Steinbicker

Journalist, Aachen

am Mittwoch, 11. Dezember 2013, 19.30 Uhr

im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne

Wallerfanger Straße 33, Saarlouis

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Eigenbericht

Afghanistan: "Frieden muss politisch herbeigeführt werden"

Kritische Bestandsaufnahme nach 12 Jahren ISAF

Zum Abschluss des Jahres 2013 und zu Zeiten noch nicht abgeschlossener Verhandlungen über den künftigen Status der verbleibenden Truppen der westlichen Allianz nach dem für 2014 geplanten Abzug der Masse der Kampftruppen des ISAF-Mandats sollte dieser Informations- und Diskussionsabend eine kritische Bestandsaufnahme des bisher Erreichten als Grundlage für die künftige Entwicklung Afghanistans bringen. Dass daraus mehr eine Betrachtung des Versäumten und verpasster Möglichkeiten wurde, spricht für sich und kennzeichnet die politische und sicherheitspolitische Lage in diesem Land am Hindukusch.

Mit dem Aachener Friedensaktivisten und Redakteur des Friedensagazins aixpaix.de, Otmar Steinbicker, trug ein Kenner der Entwicklung und der Lage in Afghanistan vor, der dem Anspruch auf sachkundige Informationen auch mit einem Blick hinter die Kulissen voll gerecht werden konnte.

Ein kurzer Rückblick auf die kulturellen und historischen Gegebenheiten des Landes ließ die Dimension der Probleme, denen sich die Soldaten von ISAF ausgesetzt  sahen, erahnen.

Drei Prozesse haben in den letzten 40 Jahren die Entwicklung in Afghanistan beeinflusst: der innerafghanische Konflikt, die Einmischung der Nachbarstaaten und die geostrategischen Interessen der Großmächte.

In der innerafghanischen Entwicklung gab es seit Ende der 70 er Jahre kulturelle Umbrüche. Das mit dem bewaffneten Militärputsch 1978 an die Macht gelangte kommunistische Regime versuchte in kürzester Zeit die Rechte der Frauen verfassungsmäßig zu verankern und die Alphabetisierung zu beschleunigen. Hiergegen regte sich sehr schnell Widerstand insbesondere bei der mehr traditionell orientierten Landbevölkerung. Das Ganze wurde durch den Nationalitätenkonflikt zwischen der paschtunischen  Mehrheit und den nationalen Minderheiten überlagert. 

Diesem ersten Umbruch folgte später nach dem Abzug der Besatzungsmacht Sowjetunion, dem Bürgerkrieg und der Machtergreifung durch die Taliban mit deren Terrorherrschaft und die durch den saudi-arabischen Wahabismus  geprägte Frauenfeindlichkeit gleichsam die Rolle rückwärts.

Die Frage der weiteren diesbezüglichen Entwicklung ist gänzlich offen und birgt ein großes Gefahrenpotenzial.

Bei der Einflussnahme seitens der Nachbarn ist Pakistan als besonders negativ zu nennen. In seiner historischen Frontstellung gegen Indien braucht es einen ruhigen „Hinterhof“ und fürchtet andernfalls einen Zweifrontenkrieg.

Aber auch Iran und die mittelasiatischen Staaten Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan beeinflussen die Bevölkerung Afghanistans in ihrem jeweiligen Sinne.

Geostrategisch wachten die Sowjetunion und die USA eifersüchtig auf ihre jeweiligen Interessen. Ggf. um einem Ausweichen der USA nach dem Verlust ihres bisherigen strategischen Partners Iran mit der Vertreibung des Schahs aus Afghanistan vorzubeugen, marschierten die Sowjets 1979 in Afghanistan ein. Die USA befürchteten andererseits mit der Invasion den Zugang zum Indischen Ozean als das strategische Ziel der UdSSR.

In der Folge gewann Osama bin Laden zunächst auch mit Unterstützung der USA Ansehen und Einfluss bei den Taliban.

Die Folgen mit den Ausbildungslagern für Terroristen, den Anschlägen insbesondere in Nairobi und dann am 11. September 2001 in New York sind bekannt.

Der von den UN mandatierte Einsatz gegen den globalen Terrorismus im Herbst 2001 war mit der Beseitigung des unmenschlichen Taliban-Regimes in Afghanistan und der Zerstörung der Ausbildungslager von Al Quaida binnen kurzer Zeit erfolgreich.

Allerdings scheiterte die Allianz letztlich in der Schlacht um Tora Bora, als es nicht gelang, Osama bin Laden und seine Führung gefangen zu nehmen oder auszuschalten.

Die dann in Afghanistan verbleibenden internationalen Truppen (ISAF), dabei auch die Bundeswehr, wurden zunächst als Befreier willkommen geheißen. Es zeigte sich jedoch sehr schnell, dass die internationalen Truppen ohne entsprechende Vorbereitung und ohne Kenntnis der Verhältnisse in Afghanistan in diesen Einsatz geschickt wurden – aus Befreiern wurden Besatzer.

Auch fehlte von Anfang an ein durchgängiges und nachhaltiges politisches Konzept für den Aufbau des geschundenen Landes. Viele Jahre verstrichen ungenutzt und erst spät (zu spät?) entschloss  man sich auch aufgrund des Drängens der deutschen Regierung zu einem umfassenden Ansatz und Koordination der Maßnahmen (comprehensive approach).

Aber auch innerhalb der deutschen Exekutive mangelte es an Kooperation und Koordination.

Mittlerweile waren die Taliban vor allem aus Pakistan wieder zurückgekehrt und stellen nicht nur zurzeit sondern auch insbesondere für die Zeit nach ISAF einen Faktor dar, der unabdingbar zur Erlangung einer nachhaltig-friedlichen Lösung eingebunden werden muss.

Versuche und Gespräche hierzu hat es in den letzten Jahren unterhalb der offiziellen Ebene mehrere gegeben. Hierbei wurden auch unter Einbringung von Zugeständnissen Grundlagen für einen Friedensplan erarbeitet, der  das gemeinsame Fundament für eine friedliche Entwicklung sein könnte. Aber sinnvolle Ansätze, wie z.B. ein Waffenstillstand für die Region Kundus, der dann bei Erfolg schrittweise auf das ganze Land ausgedehnt  hätte ausgedehnt werden sollen, scheiterten letztlich an der Haltung der USA und auch aus Rücksicht auf die Zentralregierung in Kabul.

Die weitere Entwicklung ist vor diesem Hintergrund nicht oder nur schwer voraussehbar. Auch angesichts der jüngsten Äußerungen des afghanischen Präsidenten Karsai erscheint dessen Politik immer undurchsichtiger.

Am Beispiel Afghanistan und dem Einsatz von ISAF bestätigt sich wieder einmal die (zumindest militärische) Erkenntnis: Mit dem Einsatz von Militär kann man nicht Frieden schaffen, man kann nur der Politik Zeit und Rahmen schaffen, Frieden politisch herbeizuführen. Insofern war der ursprüngliche Einsatz der internationalen Truppen 2001 erfolgreich und abzusichern. In der Folge aber versagte die Politik, alle verantwortlichen und verantwortungsvollen Kräfte in einen nachhaltigen Friedensprozess einzubinden.

Klaus Zeisig

 

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