deutscher Staatsbürger aus Krisengebieten gewährleistet"
Nachschau - Veranstaltung am
09.04.2010
18. Busecker Forum
für Sicherheitspolitik
zum Thema
Der IRAN und die
Konflikte im Nahen Osten
Referent:
Professor Dr. Udo Steinbach
*****
Pressebericht
vom 12.04.2010
»Der Staat Iran
ist ein sehr komplexes System«
»Busecker Forum für
Sicherheitspolitik«: Vortrag des
Islamwissenschaftlers
Udo Steinbach über die Politik Teherans
Buseck (db). Der Iran habe es
schon seit den Schah-Zeiten der Außenwelt schwer gemacht, das Land
in seiner Vielgestaltigkeit zu beurteilen. Auch heute sei bei uns
das allgemeine Bild stark vereinfacht – man reduziere es weitgehend
auf religiösen
Fanatismus
und Mullah-Diktatur. Doch in der Realität sei die Lage viel
differenzierter, und der Staat Iran sei ein sehr komplexes
vielschichtiges System mit einer langen historischen Tradition. Das
betonte der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Udo Steinbach, der unter
anderem Direktor des Orient-Instituts in Hamburg war und nach seiner
Pensionierung zurzeit am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der
Universität Marburg lehrt, am Freitagabend in seinem Vortrag »Der
Iran und die Konflikte im Nahen Osten« im Kulturzentrum Buseck. Zu
diesem mit 110 Teilnehmern sehr gut besuchten 18. »Busecker Forum
für Sicherheitspolitik«, auf dem einleitend Oberst a. D. Dietmar
Klenner auch seinen Roman »Che Tai und Grünauge« zum Thema des
Völkerrechts im Guerilla-Krieg vorstellte, hatten die Gesellschaft
für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW) und die Gemeinde Buseck
eingeladen.
Gegen das rigide Mullah-System
bildet sich ein breiter Widerstand unter den Frauen des Landes, den
gebildeten Schichten und der protestierenden Jugend, wie die Unruhen
im Sommer 2009nach der umstrittenen Wahl von Präsident
Ahmadinedschad gezeigt haben. Und Steinbach erklärte, es sei im
Atomstreit mit dem Iran zu eindimensional, wenn die internationale
Politik nur an verschärfte Sanktionen denke. Sanktionen gegen das
Regime hätten nur einen Sinn, wenn sie begleitet wären von einem
internationalen politischen Angebot, das auch diejenigen in der
Bevölkerung erreiche, die auf Reformen setzten und Kontakt mit dem
Westen wollten.
In Sonderstellung zu
arabischen Nachbarn
Um die Hintergründe der
Konstellation zu beleuchten, zog Steinbach zentrale historische
Entwicklungslinien nach. Zum einen sehe sich der Iran seit alters
her in einer Sonderstellung gegenüber den arabischen Nachbarn – als
altes Kulturland, das seit 1501 als Staat existiere und seit Anfang
des 16. Jahrhunderts schiitisch ist, inmitten eines vorwiegend
sunnitischen Umfelds. Zudem sehe sich der Iran als eine
Regionalmacht, die ihre Ordnungsvorstellungen in ihrem Rahmen zum
Tragen bringen will. Nach dem Ende der britischen Kolonialmacht am
Golf wollte Iran das Vakuum füllen, bekam aber immer wieder massive
englische, russische und amerikanische Einmischung zu spüren. Unter
Schah Mohammed Resa kam es allerdings zum Versuch, eine eigene
Machtposition aufzubauen. Damals herrschten auch noch gute
Beziehungen zu Israel, in einer gemeinsamen Sonderrolle gegenüber
den Arabern, erläuterte Steinbach.
»Unter Chomeini nationales
durch islamisches Paradigma abgelöst«
Dann kam mit der islamischen
Revolution von 1978/79 der Umbruch. Das zentrale Anliegen, Iran von
ausländischer Bevormundung zu befreien, erhielt einen neuen Rahmen.
Unter Ayatollah Chomeini, so Steinbach, sei das nationale durch das
islamische Paradigma abgelöst worden, durch den Aufbau eines
islamischen Staates. Seit der islamischen Revolution sei es auch zur
Konfrontation mit Israel gekommen, das als Erbe ausländischer
Einmischung in der Region angesehen werde. Nach dem schmachvollen
Waffenstillstand von 1988, den Teheran nach langem Krieg mit dem
Irak unter Saddam Hussein schließen musste, war dann bei der
islamischen Revolution »die Luft heraus«, wie Steinbach sagte. Das
Land versuchte sich wieder zu stabilisieren, und unter dem
Reformer-Präsidenten Chatami kam es zu einer Öffnung nach Westen.
Doch Chatami wurde ersetzt durch den neuen Präsidenten
Ahmadinedschad, und zwar nicht durch das Volk, sondern aus dem
inneren Machtapparat heraus. Ahmadinedschad aber sei nur ein
»Chomeini-Verschnitt«. Mit proletarischer Propaganda für die Massen,
Hetzparolen
und antiisraelischen Hasstiraden wolle er wieder den Anspruch des
Iran auf eine regionale Führungsrolle deutlich machen.
Im Zentrum steht gegenwärtig
der Konflikt um Irans Atompolitik. Begonnen hatte diese zur Zeit des
Schah, erläuterte Steinbach. Und nach der Niederlage gegen den Irak
1988 wollte man auf nuklearem Wege »wieder etwas werden«. Iraner
aller Parteien betonen das Recht auf friedliche Atomnutzung. Nie
wieder abhängig werden, wenn es um Schlüsseltechnologien gehe,
fordern auch Reformer wie Chatami oder die Menschenrechtlerin und
Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Wenn der Westen kein anderes
Angebot hätte als nur Sanktionen, so Steinbach, würden alle Iraner
opponieren. Welche Perspektiven gibt es? US-Präsident Obama ist in
seinen Reden an die islamische Welt und in Neujahrsgrüßen an den
Iran 2009 auf Teheran weiter zugegangen als alle anderen Politiker
bisher. Seine Rede habe in Persien viel bewegt, sagte Steinbach.
Aber das Regime habe gebremst. Man könne noch nicht absehen, wie
sich das System weiter entwickeln werde.
Was, wenn Teheran die
Atomrüstung forciert?
Was wäre zu erwarten, wenn
Teheran den harten Kurs fortsetzt und die Atomrüstung forciert? Dazu
sah Steinbach zwei Möglichkeiten. Zum einen den Krieg, der aber in
seinen Auswirkungen schrecklicher als bisher angenommen wäre und
damit ausscheide. Im zweiten Fall müsste der Iran als Atomstaat
akzeptiert, aber zugleich fest in eine umfassende
Sicherheitskonstruktion eingebunden werden – und zwar in ein Konzept
der Region, das für alle, auch für die dortigen Völker, einsehbar
sei. Vor diesem Hintergrund sei es nötig, »unsere Politik gegenüber
dem Nahen und Mittleren Osten einer tiefstgreifenden Prüfung
zu unterziehen«, schloss Steinbach. (Foto: dob)